Es war der 16. November 1999, als mir die Gelegenheit gegeben wurde, einen Tag lang Schwester Debora und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern folgen zu dürfen. Dieser Tag ist wie eine Momentaufnahme eines Stromes von Ereignissen, Verläufen und Erfahrungen, die jeden Tag neu hinzu kommen und immer wieder den heraklidschen Satz bestätigen: Niemand steigt zweimal in denselben Fluss. Alles ist in stetem Umbruch. Was heute stimmt, stellt sich morgen ganz anders dar.
Zunächst brauchten meine Frau und ich Kenntnisse über das Werk von HUYAWA, die uns in einer Vorlesung beigebracht wurden.
Beeindruckend ist die Zahl derer, die von HUYAWA erfasst worden sind: 48.000 Kinder bis 18 Jahre, eine beeindruckende Zahl von Namen und Schicksalen, und das in einer Gegend, in der noch vor wenigen Jahren namenlose Leichen den Kagerafluss hinab in den Viktoriasee gespült worden sind, weil sich in dem wenige Kilometer entfernten Land Rwanda die Tutsis und Hutus gegenseitig umbrachten. Was gilt da schon ein Menschenleben? Was bedeutet hier schon ein Name? Hier aber fragt jemand: Wie heißt du? Wer bist du? Wie lebst du? Wer sind deine Angehörigen? Die da fragen, fragen aus Interesse an dir. Sie wollen, dass es dir gut geht. Allein das ist wohl schon ein Wunder in einem Kontinent der namenlosen, unfassbaren Schicksale. Die Mitarbeiterschaft von HUYAWA geht also herum, klopft an die Türen der Hütten und sammelt Informationen über die Menschen, um sie in deren eigenem Interesse zu speichern. HUYAWA interessiert sich für sie, um ihnen zu helfen. Ich hätte nie gedacht, dass diese Kinder, die mich auf den so typischen Fotos aus Afrika mit großen Augen und doch so fremd anblicken Juliane, Samson, Maria, Ernest, Esther usw. heißen.
Die Erfassung der Namen und Verhältnisse durch HUYAWA hat einen einfachen Hintergrund. Wenn ich mich für jemanden interessiere und ihn nicht mehr anonym sein lasse, kann ich ihm kompetenter zur Seite stehen. Kompetenz aber ist der Unterschied zwischen dem gut Gemeinten und dem wirklich Guten. Ich muss wissen, wer der andere ist, wo und wie er lebt, um nicht das Falsche zu machen. Das gilt besonders für die Halbwaisen und Waisen, denen sicher nicht am besten dadurch geholfen wird, dass sie aus ihren Dörfern und Zusammenhängen herausgerissen werden, um in Heimen untergebracht zu werden, sondern durch Regelungen mit ihren Familien und ihren Dörfern, also im Nahbereich. Waisenkinder haben in der Regel Verwandte, Großeltern, Tanten und Onkel, die sich um sie kümmern könnten und sollten. Das festzustellen und festzuhalten ist ein Grund dieser aktenmäßigen Erfassung. Ein anderer Grund ist aber auch der, dass es nun nicht mehr möglich ist, irgendwelche Geschichten zu erzählen, um an leicht gewährte Hilfen zu kommen. Denn in dieser Hinsicht sind afrikanische Menschen nicht anders, als alle anderen Menschen auch: sie erzählen gerne das, was ihnen zu nützen scheint, auch wenn es nicht immer der Wahrheit entspricht. Besonders Kinder sind in dieser Art der Fabulierkunst auf der ganzen Welt große Meister. Wir haben erlebt, dass man in HUYAWA zunächst jede Geschichte zur Kenntnis nimmt, sie aufschreibt und dann nachprüft, um sie gegebenenfalls neu zu schreiben.
Die Erfassung und Dokumentation jedes Individuums ist der Hintergrund der eigentlichen Tätigkeit HUYAWAs: der Sicherung der Zukunft dieser Kinder. Diese Sicherung erfolgt durch die Sicherstellung einiger grundlegender, menschlicher Bedürfnisse:
Sicherung des sozialen Umfeldes
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Sicherung der Ausbildung durch einen regelmäßigen Schulgang
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Sicherung der medizinischen Versorgung
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Sicherung der Rechte
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All das aber ist nur möglich, wenn es so ortsnah wie möglich passiert. Aus diesem Grund pflegt HUYAWA nahen Kontakt zu den Behörden, der Polizei und auch zu den Würdenträgern in den Dörfern und Städten. Im Gegenzug wird HUYAWA auch ihnen allen respektiert. Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend zum Nutzen der Kinder. Man arbeitet mit den Gesundheitsstellen zusammen bei der Erfassung der durch Aids Infizierten und wird von ihnen auch bei Feststellung einer Notlage zu Rate gezogen. Am wichtigsten aber sind für die Arbeit von HUYAWA die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die über die ganze Region verstreut sind und versuchen, alle erfassten Familien mindestens alle 3 Monate zu besuchen, um sich auf dem Laufenden zu halten. Die Basis dieser großen Arbeit ist also eine Aufsuchende. Menschen gehen von Hütte zu Hütte, um sich ein Bild zu machen, die Menschen dort kennen zu lernen, Probleme möglichst frühzeitig zu erfassen usw. 216 Menschen arbeiten so unermüdlich und interessiert unter rund einer Millionen Menschen, die in dieser Gegend wohnen. Lediglich 18 MitarbeiterInnen im Hauptbüro leiten die Arbeit, fassen die Ergebnisse der Feldarbeit zusammen, führen die Akten usw.
Wenn dann ein Problem vor Ort erfasst worden ist, wird versucht, es möglichst vor Ort zu klären. Wenn das nicht gleich möglich ist, dann tritt ein lokales Komitee in Aktion, das sich über die Einzelfälle Gedanken macht und nach Lösungen sucht. Erst wenn man hier nicht mehr weiter kommt, wird die Zentrale eingeschaltet, in der dann die Hauptamtlichen Lösungen finden müssen und werden. Schwester Debora Brycke, eine schwedische Diakonisse, die dieses Werk wahrer christlicher Nächstenliebe, begonnen hat und die Seele von HUYAWA ist, ist bisher immer was eingefallen.
Schwester Debora ist überhaupt eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Sie leitet dieses riesige Werk, sitzt aber - und darin ist sie ganz und gar nicht typisch - nicht nur in ihrem Büro, sondern fährt noch immer herum, um die Menschen zu besuchen, sich ein eigenes Bild individueller Schicksale zu verschaffen und den Kontakt zur Basis zu halten. Ihr enormes Arbeitspensum, dessen hauptsächliche Belastung sicherlich in den ständig von ihr geforderten Entscheidungen liegt, ist nur zu schaffen durch gewisse Prinzipien, die sie sich gesetzt hat.
Das erste "Prinzip" ist das Festhalten an ihrer inneren "Krücke", dem christlichen Glauben. Sie empfindet sich als Jüngerin Jesu Christi in dessen Nachfolge Christi zu den Menschen geschickt, um "geknickte Rohre aufzurichten". So ist sie der Nächstenliebe verpflichtet, die dem Mitmenschen dabei hilft, sich zu emanzipieren, sich als ein von Gott geliebtes und geehrtes Geschöpf in seiner vollen Menschenwürde entfalten und selbst verwirklichen zu können. Dazu gehört der Respekt vor dem Individuum, aber auch das Rufen in die Verantwortung und Verantwortlichkeit für das eigene Schicksal.
Ein daraus folgendes Prinzip von Schwester Debora ist, niemanden von ihrer Hilfe abhängig zu machen. Sie hilft niemals so, dass es ohne sie nicht mehr geht. Sie verteilt auch nur in Ausnahmefällen Lebensmittel und fast niemals Geld. Denn dann wäre das Ziel von Emanzipation nicht erreicht. Dann bliebe das geknickte Rohr geknickt.
Ihr Prinzip der Ortsnähe bei Problemlösungen habe ich schon erwähnt.
Schließlich ist ihr Ziel für jedes Kind, dass es auch wirklich in die Schule geht und sich ausbilden lässt, und seien die Umstände noch so widrig. Sehr viel Geld wird so für Schulgeld gebraucht, das der Staat auch Waisen nicht erlässt. Daneben ist aber auch eigene schulische Aktivität durch HUYAWA gefordert.
Mit diesem Wissen ausgestattet konnten wir nun unsere Rundreise zu den Familien beginnen. Mit uns im Geländewagen saß Joel Lwehabura, der Verantwortliche für die Ausbildung und den Schulgang der Kinder, und John Mboneko, ein pensionierter Richter, der für den Bereich Recht und Rechtsberatung verantwortlich ist. Beide führten auch die Protokolle der Besuche und den dabei geflossenen Informationen. Beide waren dann aber auch zur Stelle, wenn mal ein ernstes Wörtchen mit dem einen oder anderen gesprochen werden musste. Zwar ist Schwester Debora eine Respektsperson, jedoch - oder vielleicht gerade darum - ist es nötig, dass ein Mann aus dem eigenen Volk mal deutlich wird. Schwester Debora nennt das, Kihaya (Sprache der Menschen, die dort leben) mit den Menschen zu reden. Joel und besonders John können das ausgezeichnet.
Sodann fährt noch eine junge Frau aus Bukoba mit, die um einen Besuch in ihrer Familie, die in einem Dorf bei Bukoba wohnte, gebeten hatte.
Die erste Station ist eine Frau mit 4 kleinen Kindern. Wir erreichen ihre Hütte, indem wir einen romantischen Weg durch Bananenstauden hindurch gehen. Mitten in diesen Stauden steht nun die Hütte von Consulata, deren Mann vor kurzem an Aids gestorben ist. Die Familie des Mannes hatte daraufhin versucht, sie mit ihren Kindern aus der Hütte zu vertreiben, indem sie das Haus verkauften. Das konnte durch Johns Eingreifen und Rechtsbeistand abgewendet werden. Jetzt wollten wir sehen, wie es weitergegangen ist. Consulata hatte begonnen, gleich neben ihrer alten, undichten Hütte ein neues Häuschen zu bauen, in dem sie mit ihren Kindern ein trockenes Heim finden würde. Das war in Anbetracht der beginnenden Regenzeit auch dringend nötig. So hatte sie bei den Nachbarn Stangen und Hilfe erbettelt, aber der Bau kam nur mühsam voran. In diesem Fall – es war der einzige an diesem Tag – gab Schwester Debora ihr 10.000 TSh (ungef. 20 DEM), damit sie sich die Stangen bei den Nachbarn kaufen kann und der Hausbau zügiger ablaufen kann. Consulata lebt mit ihren 4 kleinen Kindern davon, dass sie für andere arbeitet und dass sie sich ein Stück Land bebaut. Es ist ein ärmliches Leben, aber es geht. Unsicherheit besteht allerdings darin, das sie noch nicht weiß, ob sie sich nicht auch mit Aids infiziert hat.
Als nächste Station fahren wir zu der Familie jener Frau, die wir aus Bukoba mitgenommen haben. Es ist weit dorthin und der Weg ist sehr schlecht. Debora steigt öfter aus, um zu sehen, wie es weitergehen kann und ob die Planke über den Bach den Geländewagen trägt. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt, bis wir endlich ankommen. Wieder malerisch in einem Bananenhain gelegen tut sich eine Rundhütte vor uns auf, um die herum eine Anzahl Kinder mit drei jungen Frauen und einem alten Mann stehen. Wir werden hinein gebeten und setzen uns auf eine Matte. Die Hütte ist sauber und mit Heu ausgelegt, das wie ein Teppich wirkt. Auf der einen Seite sitzen Schwester Debora und wir auf der Matte, auf der anderen Seite sitzt die Familie mit den beiden Mitarbeitern von HUYAWA. Die Befragung beginnt. Schwester Debora führt sie in Kisuaheli durch und Joel schreibt die Resultate auf. Welches Kind gehört zu welcher Mutter? Wer sind die Väter? Offenbar wollen sie nicht so recht die Wahrheit erzählen. Schwester Debora ist das gewohnt. Aber man wird schon sehen. Die Kinder werden nach Müttern und Vätern sortiert, ihre Namen und ihr Alter aufgeschrieben und ob sie in die Schule gehen. Alle gehen in die Schule, wird versichert. Der alte Mann ist der Großvater dieser Kinder. Die jungen Frauen sind die Mütter einiger von ihnen. Das Problem aber sei eine der Mütter, die gerade in Bukoba im Krankenhaus sei. Ihre 3 Kinder seien nun unversorgt, meinte der Alte. Schwester Debora solle sich nun um sie kümmern. Dazu habe er sie hergebeten. Offenbar wollte er Geld. Als das klar wurde, steht Schwester Debora mit einigen klaren Worten auf, sagte Joel und John, dass sie jetzt alleine mit dem Alten Kihaya sprechen sollten, und verließ die Hütte. Uns sagt sie, dass sie dem Alten gesagt habe, er solle sich gefälligst selber um die Kinder kümmern, denn er sei ja noch sehr rüstig und es gäbe genug Land in der Umgebung, das er zur Versorgung der Familie bebauen könnte. Statt zu lamentieren, solle er lieber arbeiten. "Und wenn nun die Kinder hungern müssen, weil er zu faul ist?" wandte ich ein. "Dann werden sie ihm schon so auf die Nerven gehen, dass er anfängt zu arbeiten! In diesem reich gesegneten Land muss niemand, der arbeitet, hungern. Denn es gibt überall Land, das noch frei ist und bebaut werden kann. Jeder, der ein Stück Land urbar macht, darf auch die Früchte seiner Arbeit ernten. Das Land gehört dem, der es bebaut. Es geht aber auch dann verloren, wenn man es nicht mehr bebaut. Und wenn man selber kein Land bebauen kann, kann man wenigstens noch Unkraut beim Nachbarn jäten und sich so sein Brot verdienen. Ich unterstütze keine Faulheit!"
Diese Meinung kam dann auch bei unserem dritten Besuch zur Geltung. Diesmal fuhren wir in ein staatliches Armenhaus. Hier wohnten zwei Sorten von Menschen: die einen waren besser angezogen, hatten gut genährte Kinder und schienen sich recht wohl zu fühlen. Die anderen waren zumeist alt oder behindert. Einige hatten große Wunden am Körper. Befragt nach dem augenfälligen Unterschied, erhielten wir die Antwort: die einen bekommen ein staatliches Gehalt, weil sie für die anderen sorgen sollen, die anderen sind die, für die sie zu sorgen haben, die Armen. "Aber die arbeiten doch gar nicht!" – "Stimmt. Und ihre Ausrede ist: womit sollen wir denn hier arbeiten? Wir haben weder Geld noch Material." Und so sehen die besser Gestellten zu, wie sich die schlechter Gestellten abmühen. Zwei alte Frauen, übersäht mit Wunden, haben je ihr Feuer gemacht, um sich eine Wassersuppe zu kochen. Ein behinderter Mann liegt in seinem Bett und hört den ganzen Tag Radio. Einige Leute hören zwei Pfingstprediger zu, der gerade da ist und unter einem Baum Bekehrungsversuche macht. Einige der armen Leute sind aber auch unterwegs, um etwas zu arbeiten. Schwester Debora fragt nach neu eingetroffenen Waisenkindern. In der letzten Woche war es nur ein Kind, das sie nun möglichst schnell aus diesem kranken Milieu heraus bekommen möchte. Joel wird beauftragt, für schnelle Abhilfe zu sorgen. Joel ist es gewohnt, die Kinder auch mal für einige Tage mit sich zu nehmen, damit seine Frau sie versorgt, bis eine Lösung gefunden wird.
Wir fahren zurück zum Hauptbüro. Dort begegnen uns zwei Kinder. Ich schätze sie auf 10 – 12 Jahre. Sie wirken schüchtern. Judith Bukombu die Stellvertreterin von Debora, eine sehr resolute, temperamentvolle junge Frau mit Feuer in den Augen und der Stimme, erzählt uns, was passiert ist: Die beiden Kinder sind Geschwister. Ihr Vater ist an Aids gestorben. Die Mutter hat wieder geheiratet und der Stiefvater hat die Tochter aus dem Haus gejagt. Der Bruder sei aus Solidarität mitgegangen. Hänsel und Gretel auf Afrikanisch! Sie kommen aus Kyaka, einem kleinen Dorf in der Nähe der ugandischen Grenze, und waren mehrere Tage lang gelaufen, bis sie bei HUYAWA angekommen sind. Wie aber soll es weiter gehen? Schwester Debora meint: zuerst mal waschen, denn sie sind schmutzig. Dann essen und unterbringen, bis übermorgen sowieso ein Auto in die Gegend fährt. Dann wird vor Ort geklärt, was passieren soll. Kokutona, so heißt das Mädchen, und Eliudi, so heißt der Junge, werden mit in Deboras Haus genommen, wo sich ihre Haushälterin um sie kümmert. Wenig später gehen sie in den Garten mit einer Schüssel, Seife und Handtuch bestückt, um sich gründlich zu waschen. Sie werden dann zwei Nächte bei Joel schlafen, um dann zusammen mit Juliana Basimaki, einer Diakonisse, die für die soziale Fürsorge vor Ort zuständig ist, in ihr Heimatdorf zu fahren.
Übrigens stellte sich dann heraus, dass die Geschichte der Kinder nicht stimmte. Sie waren weder Geschwister, noch Waisen. Sie waren einfach aus Abenteuerlust zusammen mit drei weiteren Kindern ausgerissen und nach Bukoba in die Stadt gefahren, um was zu erleben. Während die anderen noch in Bukoba herumstreunen, waren sie zu HUYAWA gekommen. Die Folge dieses Ausfluges für die Kinder war zunächst eine Tracht Prügel. HUYAWA erfasste sie und ihre wahren Verhältnisse. Jetzt können sie nicht mehr mit solch einer Geschichte ankommen. Und befragt nach dem Schicksal der anderen Kinder, meinte Debora, dass sie wohl bald mit der Polizei zu ihnen gebracht würden, wenn sie nicht von alleine kämen oder jemand von HUYAWA sie fände. Das sei immer so. Ich musste herzlich lachen, als ich die Geschichte hörte. Typisch Kind! Und herzerobernd fand ich die beiden trotzdem.
Besuch bei Debora zu Hause. Ihre Haushälterin bringt ihre beiden Pflegekinder herein. Es sind zwei kleine Jungen, die fast verhungert waren. Jafet ist 4 ½ Jahre alt und wiegt 6 kg. Er kann weder sprechen noch laufen. Am schlimmsten ist sein ständiges leises Jaunern, das sich manchmal nicht mal mit einem Stück Brot besänftigen lässt. Er und Paulo, 3 ½ Jahre alt und 6,5 kg schwer, werden regelmäßig alle 6 Stunden mit einer ausgewogenen Nahrung versorgt, um ihre schweren Defizite aufzuholen. Paulo hat immerhin die ersten, wackligen Schritte getan. In beiden kleinen Gesichtern aber steht noch immer die Apathie, die mit dem schweren Hunger einher geht. Ob sie jemals diese furchtbare Zeit frühster Kindheit innerlich bewältigen werden? Wir werden sehen, meint Schwester Debora. Jetzt müssen sie einfach mal aufgepäppelt werden, bevor wir nach einer geeigneten Unterkunft für sie in ihrem Dorf suchen.
Nach der Mittagspause fahren wir in eine Schule in Bukoba. Einige Kinder spielen draußen, während drinnen eine volle Klasse mit einer jungen Lehrerin dabei ist zu lernen. Als wir herein kommen, stehen alle auf und die Lehrerin leitet einen Begrüßungsgesang an. Debora spricht mit den Kindern und fragt sie alle, ob sie noch Eltern haben oder nicht. Sie sind zumeist Straßenkinder aus Bukoba. Viele haben beide Eltern verloren, einige nur einen Elternteil. Allen gemeinsam ist, dass sie irgendwann mit dem Schulgang aufhörten, weil sie entweder kein Zuhause mehr hatten oder weil sie für die Familie sorgen mussten. Ziel der Arbeit von Abela Mayko, der engagierten, jungen Lehrerin, ist, mit ihren Kindern so weit zu lernen, dass sie wieder in die Regelschule gehen können. Dazu hat sie in einer Schule nachmittags einen Raum zur Verfügung bekommen. Vormittags geht sie in Bukoba herum, um nach ihren Schülerinnen und Schülern zu schauen und Hausbesuche zu machen.
Von der Schule fahren wir weiter ins Hinterland von Bukoba. Das Ziel ist Esther, eine behinderte Frau und Witwe mit 2 Mädchen. Eins ihrer Mädchen war bei ihren ehemaligen Schwiegereltern geblieben. Ihr Mann war an Aids gestorben und sie war von der Familie ihres Mannes weggeschickt worden. So stand sie eines Tages vor HUYAWAs Tür. Was sollte mit ihre geschehen?
Ungefähr gleichzeitig passierte es, dass in einer Familie beide Eltern starben und so drei Kinder allein in ihrer Hütte lebten. Sie hatten daraufhin aufgehört, in die Schule zu gehen, um sich selbst zu versorgen. Irgendwann waren sie auch zu HUYAWA gekommen.
Debora kam nun auf die Idee, aus beiden Problemen eine Lösung zu machen, denn die Kinder brauchten das, was Esther hat, nämlich eine erwachsene Person, die für sie sorgt, und Esther brauchte das, was die drei Kinder hatten: eine Hütte und eine sinnvolle Arbeit, die sie ernährt. Und so zog Esther bei den Kindern ein und sie wurden eine neue, kleine Familie mit Mutter und 4 Kindern. Natürlich ging das nicht problemlos. Esther hat mit den störrischen, gar zu selbständigen Kindern zu kämpfen. Diese wollen partout nicht gehorchen und zur Schule gehen, und helfen wollen sie auch nicht gerne. Aber Esther ist zuversichtlich. Sie hat begonnen, sich bei den Kindern durchzusetzen und ein Stück Land zu bebauen. Debora riet ihr, den Kindern nichts zu essen zu geben, wenn sie nicht mithelfen wollen. Faulheit soll auch bei Kindern nicht unterstützt werden. Auf die Frage, wo die Kinder denn seien, meinte Esther, dass sie wohl Deboras Auto gesehen hätten und darum weggelaufen seien. Denn sie waren gerade unterwegs gewesen, um Wasser zu holen. Vor Debora haben sie Respekt, denn sie wissen, dass sie sich nicht richtig verhalten.
Wir verlassen Esther und fahren zu einer jungen Frau, die trotz ihrer jungen Jahre (21) schon 7 Jahre im Gefängnis gesessen hat. Sie war angeklagt worden, ihren Vater ermordet zu haben. Dahinter steckte ihr Stiefvater, der sie angeklagt hatte, um sie los zu werden. Ihre Mutter hatte sich damals nicht hinter sie gestellt. So kam sie ohne Prozess ins Gefängnis, bis dann 7 Jahre später auf Betreiben der Rechtsabteilung von HUYAWA der Prozess zustande kam. Er dauerte nur 5 Minuten, weil der Richter sofort einsah, dass die damals 14-jährige dazu nicht in der Lage gewesen sei, weder körperlich, noch seelisch. So wurde sie nach 7 Jahren und einem Prozess von 5 Minuten entlassen und kam nun bei ihrer Schwester unter, die in Bukoba verheiratet ist. Ihr vorrangiges Problem war, dass sie große, eiternde Wunden an den Füßen hat, die dringend einer Behandlung bedürfen. Schwester Debora teilte ihr mit, dass sie sie am nächsten Tag ins Krankenhaus bringen würde. Grace, so heißt die junge Frau, war ihr sehr dankbar dafür.
Zuletzt fahren wir noch ins Krankenhaus, um noch zwei dort liegende Mütter mit Aids zu besuchen und um Grace dort anzumelden.
Es war ein ereignisreicher Tag mit vielen, unvergesslichen Eindrücken. Die Gesichter der Frauen und Männer, der Jungen und Mädchen gehen uns noch immer nach. Nach geht uns auch die Erkenntnis, dass sich Kinder überall gleich sind und dass sich afrikanische Kinder aus Bukoba wenig nur unterscheiden von unseren Kindern in Deutschland, auch wenn es viele von ihnen unendlich viel schwerer haben als unsere Kinder.
Die wichtigste Erkenntnis aber ist die, dass es noch immer Menschen gibt, die sich aus Nächstenliebe und mit unglaublichem Eifer um die kümmern, um die sich sonst niemand kümmert.
Am nächsten Tag treffen wir das Team von HUYAWA wieder. Schwester Debora steht gerade mit einem Jungen zusammen, der auf einem Fahrrad herangefahren ist. Er sieht wie ein 10-Jähriger aus, aber Schwester Debora erklärt, dass er bereits 14 Jahre alt ist. Seit seiner Geburt hat er Aids. Idi, so heißt der Junge, hat bisher seiner Krankheit widerstanden mit seinem großen Willen zum Leben. HUYAWA hat sich um ihn gekümmert und er hat sein Fahrrad von HUYAWA bekommen, damit er sich fortbewegen kann. Denn laufen kann er nicht mehr viel. Dafür ist er zu schwach. Mit seinem Fahrrad aber macht er nun Botengänge für HUYAWA. Aus Dankbarkeit hat er jetzt eine Tüte voll Bohnen als Geschenk für die Mitarbeiterschaft von HUYAWA mitgebracht. Idi ist ein Symbol für den Widerstand gegen die tödliche Krankheit geworden. Er leidet und er kämpft. Beide Eltern sind gestorben, aber Idi will leben. Alle lieben ihn dafür.
Wie wird es mit HUYAWA weitergehen? Zunächst ist eine räumliche Erweiterung geplant. Die alten Büros sind zu eng geworden für alle die vielen Akten. Ein neues Haus ganz in der Nähe ist angekauft worden und wird ausgebaut. Bald möchte man hier einziehen.