In die Welt für die Welt 1/2002 Magazin für Mission und Partnerschaft, 1/2002 Herausgegeben von der Vereinten Evangelischen Mission, Wuppertal
Kinder mit alten Augen
Projekt für AIDS-Waisen in Tansania
Ein Artikel von Judith Bukambu. Judith Bukambu ist Koordinatorin von HUYAWA in Bukoba, Tansania. Die VEM unterstützt die Rechtsabteilung des Projektes. Die Fotos sind Dias von Jochen Motte.
Die
Situation war niederschmetternd. Vor allem für die Älteren. Viele hatten ihre
Kinder verloren und mussten sich nun um ihre verwaisten Enkel kümmern. Oft über
zwanzig an der Zahl, von denen einige wie ihre Eltern dann an AIDS starben. Die
Menschen waren verzweifelt.
1983 wurden die ersten AIDS-Fälle in der Kagera Region im Nordwesten
Tansanias diagnostiziert. Sechs Jahre später begann die Nord-West Diözese der
Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania (ELCT) mit HUYAWA. Das heißt so
viel wie Hilfe für Kinder. HUYAWA kümmert sich voranging um Waisen oder
Halbwaisen und deren verbliebenes Elternteil. Es begann also eigentlich als
Nothilfeprogramm in einer Notlage, die inzwischen Dauerzustand geworden ist.
HUYAWA gibt es mittlerweile überall in der Diözese. Auf Gemeindeebene arbeiten
216 Feldassistenten, vorrangig Evangelisten, da diese buchstäblich jeden Winkel
der Diözese kennen. Im Büro in Bukoba sind 16 Leute tätig, dazu kommen neun
Distriktkoordinatoren, die vor allem mit den Behörden zusammenarbeiten. Wir
kennen die Lebensumstände der Menschen also genau. Unsere Arbeit besteht aus
vier Schwerpunkten: Schule und Bildung, medizinische Versorgung, soziale Hilfen
sowie Rechtsberatung.
Aufgrund der wirtschaftlichen Lage gehen viele Kinder nicht mehr zur Schule.
Ihre Eltern wenn sie noch welche haben tun sich schwer, die Schulgebühren
aufzubringen. Die Waisen und Halbwaisen trifft es noch härter. Sehr häufig
brauchen die Eltern all das, was sie haben, um für ein AIDS-krankes Elternteil
zu sorgen. Medikamente sind teuer. Und wer die Wahl hat, wird erst einmal die
hungrigen Mäuler der Familienmitglieder stopfen und Tabletten kaufen, als die
Kinder zur Schule zu schicken. Wenn der Partner dann gestorben ist, bleibt oft
gar nichts mehr. Meist sind es Frauen, die mit vielen Kindern zurückbleiben.
Oft sind sie selbst krank und werden von ihren minderjährigen Kindern versorgt.
Verlassen
So wie das sechsjährige Mädchen, das seinen AIDS-kranken
Vater versorgte. Der Mann bestand nur noch aus Haut und Knochen. Ein ganzes
Jahr lang kochte die Tochter für ihn und für den Bruder. Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter von HUYAWA besuchten die Familie jede Woche, um zu helfen, wo
möglich. Eines Tages verständigte der Nachbar das HUYAWA-Büro, dass es dem Mann
schlechter ginge und er ins Krankenhaus müsse. Zwei Mitarbeiterinnen fuhren
also hin, um ihn abzuholen. Sie erzählten: Als das Mädchen sah, dass wir den
Vater mitnehmen wollten, fing sie an zu weinen und schrie: Vater, geh nicht
weg.´ Wir versuchten sie zu trösten und versprachen ihr, dass es dem Vater bald
besser gehen würde, dass sie ihn besuchen könne usw. Schließlich schluchzte
sie: Vater, versprich, dass Du uns Kekse mitbringst, wenn du zurückkommst.´
Der Vater kam nie zurück. Er starb im Krankenhaus und das Mädchen lebt heute
bei Pflegeeltern.
Wenn man die Kinder fragt, wie sie zurecht kommen, dann hört man die
erstaunlichsten Geschichten: Zehnjährige, die Gras schneiden und verkaufen,
13jähirge, die Feuerholz sammeln, um sich einige Schillinge zu verdienen,
kleine Mädchen, die Tomaten ziehen, damit sie vom Erlös Medikamente für die
Mutter kaufen können. 1997 wurde gerade für diese Kinder, die am Rand der
Gesellschaft leben, eine spezielle Förderklasse eingerichtet. Denn meist sind
sie schon zu alt, um in der erste Klasse eingeschult zu werden. Man erkennt sie
an ihren gebeugten Schultern und zerrissenen Kleidern. Und dabei würden sie so
gerne zur Schule gehen und mit Gleichaltrigen spielen. Wie verändert sind sie
nach zwei Monaten in der HUYAWA-Schulklasse: Sie halten sich gerade. Aus ihren
Gesichtern spricht Stolz. Stolz, dass sie lesen und schreiben lernen, Stolz,
dass sie eine Schuluniform haben, Stolz, weil sie nun dazugehören. Diese Kinder
mit den alten Augen, die bereits alles Leid der Welt gesehen haben, werden
plötzlich wieder zu Kindern.
Vertrieben Besonders problematisch ist die
Rechtsberatung. Meist geht es um Eigentumsfragen. In vielen Fällen werden
Waisenkinder oder kranke Witwen von ihren Verwandten vom ihrem Land vertrieben.
Manchmal verkaufen AIDS-Kranke in ihrer Verzweiflung heimlich ihre Grundstücke,
weil sie Geld für Medikamente brauchen. Den Nachkommen, die von dem Verkauf
nichts wissen, bleibt nichts. Vor allem Frauen und Kinder sind davon betroffen.
Und gerade sie wissen meist nichts über Recht und Gesetz.
Die Feldassistenten versuchen zuerst den Fall auf Gemeindeebene zu lösen, indem
sie mit den Konfliktparteien und den Dorfchefs sprechen. Scheitern sie, werden
die Distriktkoordinatoren eingeschaltet, die sich mit den lokalen Behörden in
Verbindung setzen. Scheitert auch diese Initiative, dann geht der Fall vor das
Gericht. Ein pensionierter Richter regelt für HUYAWA vor allem diese Fälle. Es
ist eine schwierige Aufgabe, die langen Atem erfordert. Denn oft dauert ein
Verfahren so lange, dass die Betroffenen bereits gestorben sind. Korruption und
Vetternwirtschaft im Justizsystem ist häufig die Ursache für diese
Verzögerungen.
Allein 1999 wurden 109 Fälle an HUYAWA herangetragen. 78 davon konnten gütlich
auf Gemeindeebene geklärt werden. Mittlerweile ist HUYAWA so bekannt, dass
viele sich gar nicht mehr trauen, sich am Besitz ihrer Verwandten zu vergreifen.
Sie wissen, dass sie sich dann mit HUYAWA auseinander setzen müssen. Doch all
das kostet Geld und Zeit, und beides ist knapp.
Bei der Evaluation von HUYAWA nach zehn Jahren Einsatz sagten viele Befragte:
Wir sind froh, dass es Euch gibt und dass ihr kommt, um zu fragen, wie es uns
geht. Viele Menschen in der Kagera Region haben niemanden mehr. Ihre Familien
sterben aus. Sie brauchen jemanden, der sich um sie kümmert.